Soundscape Shqiperia
Klangreise durch Albanien
     
     

Vorwort
 

Bemerkungen
zur Reise
zu den Tonaufnahmen

zum Musiktheoretischen Anteil
 

Lesen
kurz Geschichte
Volksmusik heute
Musikinstrumente
Kultur-Landschaften

 

Material & Downloads
Vordiplomarbeit
trad. Musik / mp3
Originaltonreise
Audiovisuelle Montage
Tonarchiv
Fotos

 

zuletzt...
Links
Quellenangaben
Kontakt
Impressum

 


Die Lahutё (nordalbanische Alpen)


Auch der Musiker in Theth zeigte
Interesse an den Aufnahmen
 


Lahutё-Spieler im Dorf Theth,
nordalbanische Alpen
 


Die Lahutё während des Spielens,
Theth, nordalbanische Alpen

 

 

zurück zur Übersicht

Die Lahutё

[Hörbeispiel]

 

„Zum Haus gehören eine Lahutё und eine Çifteli, weil der Gast nicht um zu essen, sondern zum Erzählen und aus Freude am Musizieren kommt. Und auch die Berge sind die Stille nicht gewohnt, sie brauchen die Heldenlieder und die Stimme der Lahutё, damit sie wissen, dass ihre Söhne leben und nicht gestorben sind, genauso wie auch die Helden nicht sterben.“ (Gercaliu 1986, S. 301).

 

Verbreitung

Lahutë wird ins Deutsche häufig übersetzt als Fidel. Die Lahutë findet man ausschließlich in Nordalbanien. Zwar war das Instrument auch in den Bergregionen Mittelalbaniens bekannt, doch verliert sich hier die Dichte des Auftretens. Wir haben nur in Theth einen Rhapsoden (so werden die Lahutё-Spieler genannt) ausfindig machen können.

 

Herstellung

Die Lahutё wird von dem Rhapsoden meist selbst hergestellt und üblicherweise aus einem einzigen Holzblock herausgeschnitten (meist Ahorn- oder Fichte-, seltener Pappel-, Weide-, Nussholz, Eichenbaum sowie Moorerle und wilder Kürbis). Die Schalldecke aus Jungziegen- oder Kaninchenhaut wird mit Holzschrauben am Korpus befestigt und mit ein paar Löchern in Stegnähe versehen, „damit das Instrument einatmen kann“, sagen die Bergbewohner (Ahmedaja, 1999, S. 113). Für den Steg und die Wirbel kann jedes feste Holz verwendet werden. Den Kopf schmückt oft eine Herz-, Blatt- oder Steinbockfigur. Der Steinbock ist dabei ein Symbol für den Helm Skanderbegs, den albanischen Nationalhelden, und diese Instrumente bekommen dann den Namenszusatz Lahutё „me Skanderbeg“. Der Bogen ist aus dem Holz der Kornelkirsche gefertigt, stark gekrümmt und mit schwarzem Rosshaar bespannt.

Einige durchschnittliche Maße sind:
Hals 40 cm
Korpus 30 cm lang, 20 cm breit
Bogenhaare 17 cm
Ganzer Bogen 40 cm

Zur Qualität des zu verarbeitenden Holzes schreibt Sokoli (1984: S. 187-188): „Der Baum soll an einem Mittwoch bei klarem Himmel und Vollmond gefällt werden, sonst würde das Instrument ‚schief’ klingen.“

 

Spielart

Der Rhapsode nimmt Platz im Schneidersitz und hält die Lahutë auf den Knien. Der Hals zeigt dabei mehr oder weniger vertikal nach oben. Die Saite wird nicht durch andrücken an den Steg verkürzt, sondern durch Berühren der vier Fingerglieder der linken Hand. Die Saite wird mit dem Bogen gestrichen, der von der rechten Hand gehalten wird.

Auf der Lahutё spielen nur selten auch Frauen, darunter zunächst jene, die zum Mann werden. Das ist in Albanien möglich. Der Grund liegt entweder in der Entscheidung der Frau, in der Verwitwung oder in der Tatsache, dass die Familie keinen Jungen zur Welt bringt. Damit erhalten sie den Namen der Familie für die nächsten Generationen. Diese Frauen werden dann von der Bevölkerung auch den Männern gleichgestellt und haben gleiche Rechte und Pflichten. Andere Frauen dürfen üblicherweise nur für sich und nicht vor anderen Menschen spielen, besonders nicht vor Männern.

 

Tonreihe

Der Rhapsode stimmt die Saite der Lahutё in einer für ihn passenden Tonhöhe und versucht eine Lage zu wählen, in der diese Lieder am schönsten klingen. Der ausgewählte Ton stellt die Basis der Tonreihe dar. Die Singstimme erreicht eine große Sekunde darunter. Die Reihe auf c aufgebaut sieht dann folgendermaßen aus:

b – c’ – d’ (des’) – es’ – f’ – g’ – (a’ – b’)

Die Tonhöhen sind allerdings mit der temperierten Stimmung nicht alle identisch. So klingt das d’ oft irgendwo zwischen des’ und d’, und das b unter dem Grundton klingt meist zwischen dem b und dem h. Der Ambitus der Singstimme einiger Lieder erreicht hier normalerweise die Sexte, manchmal die Oktave, geht aber eigentlich nie darüber hinaus.

 

Musikalisches - Lahutë

Die Lieder mit Lahutё werden in ihrem Verbreitungsgebiet als die der Bergbewohner betrachtet, nicht als die der Bauern. Aus diesem Grunde wurden sie im Wesentlichen bewahrt von den Stämmen die Viehzucht betrieben und weniger von den Ackerbau betreibenden Stämmen. Die Lieder werden nur von den Männern gesungen und stellen auch heute noch, zumindest bei der älteren Generation, einen wichtigen Typus der Gesänge der Gegen dar. Mit ihrem episch-balladischen Charakter sind es die Geschichten der Tapferen, Heldenlieder, und sie enthalten oft märchenhafte Elemente albanisch-illyrischen Ursprunges. Sie wurden und werden auch heute noch vorgetragen „ […] besonders während der Winternächte neben dem Kaminfeuer, wenn Gäste zu Familienfeiern oder ähnlichen Anlässen gekommen waren. In der Regel spielt und singt der Hausherr oder ein anderer Mann der Familie am Anfang, um den Gästen die Ehre zu erweisen. Danach spielen der Reihe nach diejenigen unter den Anwesenden, die sich besonders hervortun, selbstverständlich auf Bitten der Zuhörer.“ (Sokoli, 1985, S. 190). Ein Sänger dieser Lieder hat berichtet: „Wir haben diese Lieder meistens in den Winternächten gesungen, wenn wir beieinander versammelt waren, in den Gästezimmern, in denen sich die ‚tapferen Männer’ aufhielten, in Versammlungen, aber auch auf Bergwiesen, […] während das Vieh auf der Wiese weilte […] “ (Gercaliu, 1986, S. 292). Diese Hinweise zeigen, dass die Rhapsoden, auch für sich selbst gespielt haben, obwohl das Vortragen in der Regel eine fast rituelle Bedeutung eines gesellschaftlichen Ereignisses einnimmt.

Zur Begleitung dieses Liedtypus wird ausschließlich die Lahutё verwendet, dessen Charakteristikum ihre Länge ist. Es gibt solche, die bis zu eineinhalb Stunden dauern können, wurde uns berichtet – es werden ja lange Geschichten erzählend vorgetragen. Die Schwierigkeit, die in einem solchen Falle beachtliche Anzahl von Versen auswendig zu kennen, wird, laut unseres Spielers, durch das Spielen auf dem Instrument kompensiert, d.h. Textformeln werden immer mit bestimmten musikalischen Motiven in Verbindung gebracht. Ein anderer Sänger berichtet: „Am Anfang habe ich auf der Lahutё zu spielen gelernt, und das hat mir geholfen, die Lieder leichter zu lernen und sie längere Zeit auswendig merken zu müssen.“ (Gercaliu, 1986, S. 301). Und zur besonderen Vortragsweise einer langen Geschichte erzählt ein 81-jähriger Rhapsode: „ […] ich mache eine längere Pause ungefähr in der Mitte des Liedes, um aufatmen zu können, weil das Lied mit Lahutё müde macht, besonders die längeren Heldenlieder. Und die Leute, die zuhören, entspannen sich ein bisschen. Aber das Spiel auf der Lahutё unterbreche ich nicht. Ich spiele auf ihr ununterbrochen und nach einer Weile fange ich das Lied dort an, wo ich aufgehört habe. Um die Wörter ins Gedächtnis zu rufen, mache ich mir keine Sorgen, weil sie mir von selbst ohne Anstrengung kommen, wenn ich mit Lahutё singe.“ (Gercaliu, 1986, S. 297).

Die Rhapsoden lernen das Spielen und das Singen entweder in ihrer Familie oder aber von bekannten und erfahrenen Rhapsoden. Auch in unserem Falle berichtete der Spieler von der generationenübergreifenden Praxis des Lahutё-Spielens und Weitergebens.

Jeder Spieler stimmt die Saite der Lahutё in einer für ihn passenden Tonhöhe, er versucht dabei eine Lage zu wählen, bei der er glaubt, dass das Lied am schönsten klingt. Ein Lied mit Lahutё wird generell mit einem instrumentalen Vorspiel begonnen, das die nötige Atmosphäre schaffen und den Spieler einstimmen soll. Es ist durch das Umspielen des Grundtones, melodische Abwärtsbewegungen und Triller-Gesten bzw. Vorschläge gekennzeichnet.