Soundscape Shqiperia
Klangreise durch Albanien
     
     

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Çifteli, Kukes, Nordalbanien


Çifteli



Sharki


Sharki


kleine Vorstellung in einem CD-Laden, Nordalbanien


Theth, Nordalbanien

 

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Çifteli und Sharki

[Hörbeispiel Cifteli]
[Hörbeispiel Cifteli mit Sharki]

 

Zur allgemeinen Vorgeschichte der Lauteninstrumente

Auf Grund der Bedeutung des Instruments für den gesamten arabischen und europäischen Raum, aber auch für Teile Afrikas und Asiens, erscheint es uns interessant, einen etwas ausführlicheren Überblick über die allgemeine Geschichte der Lauteninstrumente voranzustellen, denen auch die albanischen Formen Çifteli und Sharki angehören.

Unter Lauteninstrumenten versteht die Instrumentenkunde zusammengesetzte Chordophone, die aus einem Saitenträger und einem Resonanzkörper bestehen. Organologisch lassen sich die Lauten einteilen in (afrikanische) Bogenlauten, Stiellauten und Jochlauten oder Leiern. Zur wichtigsten Gruppe gehören die Stiellauten. Nach der Aufstellung von Sachs und Hornbostel ist die europäische Geige ebenso ein Lauteninstrument wie die persische Kamangah oder die spanische Gitarre, die ein- bis dreisaitigen Streich- und Zupfinstrumente des nahen und fernen Ostens und die folkloristischen Chordophone der ganzen Welt, mit Ausnahme der Zithern und Harfen. Die Lauten der vorderorientalischen und europäischen Kunstmusik haben eine aus flachen Spänen zusammengesetzte Wölbung.
Die asiatische Spießlaute (mit diametral durch den Korpus hindurchgesteckten Hals, im Gegensatz zu den Stiellauten mit angesetztem oder angeschnitztem Hals) ist bereits für das zweite vorchristliche Jahrtausend belegt. Ihre Form geht aus sumerischen Darstellungen hervor. Diese Laute lebt in Vorderasien fort, und eine Reihe bildlicher Darstellungen zeigt sie uns bei den Aramäern, Babyloniern und Hettitern. Bei den Mongolen wurde die Laute noch zu Marco Polos Zeiten als Soldateninstrument im Lager verwendet.

Erst nach 1500 v. Chr. wird die Laute gleichzeitig zum Instrument der ägyptischen Berufsmusiker. Birnenförmige Instrumente sind besonders häufig in der hellenistischen Zeit bekannt geworden. Zweisaitigkeit ist die Regel (auch die albanische Çifteli ist zweisaitig), doch gab es auch dreisaitige Instrumente, letztere besonders zur Spätzeit. Dieser Tatsache verdankt die griechische, seit dem 4. Jhd. abgebildete Laute ihren Namen Trichordon.
Besteht der Schallkörper nicht mehr aus einer Schale, sondern aus einem vom Tischler gefertigten Kasten, entsteht die Zargenlaute zentral- und ostasiatischen Gepräges. Zuerst für die Mitte des 1. Jahrtausends für Turkistan belegt, findet sie sich heute noch in der Mongolei, in China, Japan, Annam und Kambodscha.
Schon die chinesische P’i-p’a hatte nach chinesischen Abbildungen aus dem sechsten Jahrhundert einen Knickhals. Der Ud, die Laute der islamischen Völker (al-`ud heißt eigentlich „Holz“, also Holzinstrument), hat einen aus Spänen zusammengesetzten Rumpf, eine Mittelrosette (moderne Instrumente auch mehrere Rosetten), einen angesetzten Hals, abgeknickten Kragen und Bünde. Seine Vor- und Frühgeschichte ist noch unerforscht. Er ist vermutlich persischen Ursprungs und wird von Al-Farabi zuerst im 10. Jhd. beschrieben. Er verdankt wahrscheinlich seine augenblickliche Form einem Zusammenströmen verschiedener vorderorientalischer Züge, die im 13. oder 14. Jahrhundert in Sevilla verschmolzen und dann nach dem Orient zurückgewandert sind. Die arabische Knickhalslaute hat den europäischen Instrumenten ihren Namen gegeben (dt. „Laute“, engl. „Lute“ etc. von arab. Al-´aud, unter Beibehaltung des arabischen Artikels).

Gemischt-, also gleichzeitig vorder- oder hinter- und flankenständige Wirbel kommen an afrikanischen, insbesondere nordafrikanischen Lauten vor. Hierzu gehört zunächst der vorderorientalische Tunbur, auch Tanbur oder Buzuq genannt, heute vor allem in Syrien, im Libanon und in Ägypten verbreitet, aber auch auf dem Balkan (Albanien, Südslawien, Türkei, Bulgarien, Kurdistan, Bosnien, Sibirien). Das orientalische Lautenspiel mit seinem charakteristischen Variationswesen, seinen Verzierungen und seiner arteigenen Thematik hat weitgehend nicht nur das Musikleben des Orients, sondern auch Europas beeinflusst.
Es ist anzunehmen, dass die abendländische Laute von einem dem alten Persien benachbarten Gebiet ihren Ausgang genommen hat. Seit dem 10. Jhd. trugen die Mauren Spaniens entscheidend zur Verbreitung der Laute im Abendland bei. Im 15. Jhd. gewannen deutsche Lautenspieler in Frankreich an Einfluss. Ein gleicher Prozess zeichnet sich dann im belgisch-niederländischen Raum ab. Um 1500 war die Laute als Instrumenten-Typus der Neuzeit voll ausgebildet. Noch Johann Sebastian Bach hat zum Ende der Lauten-Epoche hin Suiten, Präludien und Fugen für Laute geschrieben, bevor um etwa 1700 das Hammerklavier die Laute in der Hausmusik ablöste (in Spanien trat die Gitarre an die Stelle der Laute).

 

Çifteli und Sharki
Allgemeines und Verbreitung

Çifteli und Sharki dürfen der weit verbreiteten Familie der Langhalslauten zugeordnet werden. Es ist stark anzunehmen, dass die Instrumente in der Zeit des Osmanischen Reiches mit den Türken nach Albanien kamen. Durch die meist als Begleitinstrumente verwendeten Çifteli und Sharki wird praktisch ein weiterer Liedtypus der Gegen bestimmt, so wie auch die Lieder mit Lahutë einen Liedtypus bestimmen. Gesungen und gespielt wird nicht nur allein wie bei den später betrachteten Liedern mit Lahutë, sondern auch zu zweit oder zu dritt. In diesen Fällen wird meist der in der Regel einstimmige Gesang sowohl von der Cifteli als auch von der Sharki begleitet. Das zweistimmige Singen kommt selten vor (dann im Osten Albaniens und bei den Albanern in Mazedonien). Umso mehr freut es uns, dass wir zweistimmige Lieder, begleitet von Çifteli und Sharki, während unserer Reise in das nordalbanische Lezhe finden konnten (zu hören auf Track 17 und Track 19).

 

Spielweise und Stimmung

Die Haltung ist bei beiden Instrumenten gleichartig der allgemein bekannten Gitarre. Entweder wird der Korpus auf dem rechten Bein oder auf dem Schoß zwischen den Beinen gehalten. Mit dem Plektrum in der rechten Hand werden die Saiten gezupft, und gleichzeitig stützt der Handballen das Instrument. Die linke Hand greift die Saiten an den Bünden.
Die Çifteli ist mit zwei Stahlsaiten bespannt, meist im Quartabstand, wobei die tiefere Saite als Iso (= Bordun) benutzt und auf der höheren Saite die Melodie gespielt wird. Wie auch bei der Lahutë gibt es keinen absoluten Tonhöhenbezug, wie zum Beispiel den Kammerton 440 Hz. Die Stimmung der Çifteli kann zur Erzeugung einer anderen Klangcharakteristik auch zu einer Prime, Sekunde (meist Elegien) oder Quinte (nicht sehr beliebt) verändert werden. Und es wird auch von Terz-, Sext- und Septimabständen im Kosovo berichtet. Listet man alle Abstände, erkennt man letztendlich die Freiheit, zu stimmen wie es dem Musiker beliebt.

Während die Çifteli in den letzten Jahren auch immer mehr von Frauen gespielt wird, bleibt die Sharki bislang in Männerhand.

Üblicherweise begleiten die Sänger sich selbst und prägen in hohem Maße die bereits bekannten Lieder durch ihre eigenen Interpretationen und Variationen, schaffen ihre Lieder aber auch selbst. Besonders gute Musiker sind auch außerhalb ihrer Gegenden bekannt.

 

Bauart der Çifteli

Der halbmandelförmige Korpus der Çifteli wird in verschiedenen Größen bisher ausschließlich in Handarbeit gebaut (Länge 20-60 cm, Breite 12-26 cm, Tiefe 9-20 cm). Der Resonanzkörper ist aus dem Holz des Maulbeerbaums. Die Decke wird aus Kiefern-, Fichten- oder Tannenholz gefertigt, welches leichter ist und ganz dünn geschnitten werden kann. Ein bis drei Resonanzlöcher werden dem Korpus eingefügt, mitunter auch im Resonanzkörper und nicht in der Decke. Der Hals und die Wirbel sind aus dem kräftigen Buchenholz, ebenso der Steg, der aber aus auch Metall hergestellt werden kann.
Der Hals wird unterteilt in 11 bis 13 Bünde, die manchmal auch beweglich sind, um die Skala verändern zu können. Die Tonreihe besteht üblicherweise aus folgender Intervallstruktur:

Bund / Intervall
Leersaite / Prime
I. / große Sekunde
II. / zwischen kleiner und großer Terz
III. / Quarte
IV. / Quinte
V. / etwas größer als kleine Sexte
VI. / kleine Septime
VII. / Oktave
VIII. / große None
IX. / zwischen kleiner und großer Dezime
X. / Oktave + Quarte
XI. / Oktave + Quinte
XII. / Oktave + etwas zu große kleine Sexte

Große Sekunde, Quinte und Oktave bilden das Zentrum der Melodik, daher sind die Bünde I (große Sekunde), IV (Quinte), VII (Oktave) und VIII (große None) in der Regel markiert. Die Verwandtschaft zum orientalischen Kulturraum lässt das charakteristische Phänomen „maqam“ erkennen. Ein maqam, wichtiges Element der orientalischen Musik, ist im Grunde nichts anderes als eine bestimmte Skala oder Tonreihe. Im Gegensatz zum europäischen Tonsystemen mit seinen Halbton-, Ganzton- und Eineinhalbtonschritten hat das arabische System aber zusätzlich den Dreivierteltonschritt zur Verfügung, wodurch sich die Anzahl möglicher Reihenbildungen enorm erhöht. Eine solche Abweichung zur klassisch temperierten Skala findet sich bei der Cifteli, die durch ihre Tonreihe dem hiesigen Ohr zunächst etwas fremdartig erklingt.

 

Bauart der Sharki

Die Sharki hat die gleiche Form wie die Çifteli, ist aber größer und bietet einen größeren Ambitus. Es finden beim Bau auch die gleichen Materialien Verwendung.
Der Hals ist hier in ungefähr 22 Bünde eingeteilt. Die Oktave setzt sich aus zwölf chromatisch temperierten Tönen zusammen. Geringe Abweichungen sind auf die Baukunst zurückzuführen.

Am häufigsten ist die Sharki mit einer umsponnenen Stahlsaite bzw. einer aus zwei miteinander verzwirbelten Stahlsehnen in der Mitte und je einer doppelchörigen Stahlsaite außen bespannt (siehe Abbildung 26). Die Stimmung ist zunächst etwas ungewöhnlich: die zweite Saite ist eine Quarte tiefer als die erste, und die dritte Saite ist eine Quinte höher als die zweite. In relativen Tonhöhen ausformuliert also zum Beispiel c’ – f – d’. Die tiefste Saite befindet sich demzufolge in der Mitte; sie wird bei der Sharki als Iso, also Bordun, eingesetzt. Die mittlere Saite erzeugt durch ihre Beschaffenheit als verzwirbelte oder umsponnene Saite einen etwas sonoreren Klang als die doppelchörigen Außensaiten. Die Größe des Instrumentes macht die Sharki klanglich tiefer und wärmer als die Çifteli.